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Flattr this 09-09-2009 Bücher
Schamanen im russischen Feuerzauber
In ihrem Buch „Schamenfeuer“ webt die Erfolgsautorin Martina Andre („Die Gegenpäpstin“, „Das Geheimnis der Templer“) eine Geschichte rund um das rätselhafte Tunguska-Ereignis in Mittelsibirien, das nach 100 Jahren immer noch nicht restlos aufgeklärt ist.

Die gewaltige Explosion mit vielen Erklärungsversuchen ist natürlich ein dankbarer Stoff für Mystery-Fans. Die Handlung des sich darum rankenden Romans ist schnell erzählt und zerfällt in zwei wechselseitig parallel erzählte Stränge.




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Zum einen das Geschehen kurz vor dem Ereignis an sich Anfang des 20. Jahrhunderts, zum anderen eine aktuelle deutsch-russische Expedition zur Aufklärung des Mysteriums.

Recht kunstvoll werden nach und nach beide Ereignisketten von der Autorin ineinander verwoben. Im Jahr 1905 beginnt die Geschichte vom deutschen, in Petersburg lebenden Studenten Leonhard und seiner aus revolutionären Kreisen stammenden Freundin Katja, die nach Sibirien deportiert werden und auf das besagte Ereignis im Jahr 1908 zu streben. Im Jahr 2008 spielt die Geschichte der deutschen Geophysiker Viktoria und Sven, die zur Untersuchung der Geschehnisse nach Sibirien ziehen und dort den geheimnisvollen ewenkischen Schamanen Leonid treffen.

Kenner mysteriöser Romane werden nun schon vermuten, dass Schamane und Student nicht zufällig einen ähnlichen Namen haben. Die Handlung wird spannend erzählt und in keiner Minute langweilig. Der richtige Schuss Erotik, Esoterik, Action und Verschwörungstheorien, aber auch Naturvolk-Verklärung und Chauvinismus-Protest (damit´s den modern-liberalen Bürgern ebenfalls gefällt) ergeben eine Mischung, die das Erklettern der Bestseller-Listen zur leichten Nebensache macht. Die Hauptfiguren wirken charakterlich glaubwürdig und tief.

Das bedeutet leider aber nicht, dass das Buch keine große Schwäche hat. Denn etwas erschreckend ist das Russlandbild, das die Autorin unterschwellig verbreitet. Alle gängigen Klischees werden bedient. Russen sind korrupt, menschenverachtend und – wenn wir es einmal nicht negativ ausdrücken wollen – trinkfest. Kein Stereotyp wird ausgelassen, auch nicht der zwielichtige Oligarch mit KGB-ähnlicher Leibwächter-Truppe im sibirischen Zelt oder die fanatischen Revolutionäre in der Endphase des Zarenreichs. Natürlich macht der Oligarch in Erdgas, aber das hätten wir vielleicht gar nicht erwähnen müssen. Helden finden sich nur auf deutscher und naturvölkischer Seite, vielleicht damit sowohl nationalkonservative als auch linksliberale Leser ihre Identifikationsfiguren finden können.

Über das Tunguska-Ereignis hat die Autorin mit Sicherheit exzellent recherchiert, dabei aber wohl kein tieferes Interesse für den Staat verspürt, in dem dieses Naturphänomen (das im Roman natürlich keines ist, sondern bezeichnenderweise der Prototyp einer russischen Megabombe) statt fand. Recht abenteuerlich konstruiert wirkt (trotz Erklärversuche der Autorin) auf den etwas Russland-kundigeren Leser da mancher Lebenslauf, wie der des schamanistisch-ewenkischen Helden, der offenbar an der Seite von islamistischen Gotteskriegern im Tschetschenienkrieg gekämpft hat. Hauptsache ist es wohl, dass es gegen die bösen Russen ging, womit im Vorfeld schon ein paar Pluspunkte gesammelt werden können. Würden in einem Roman Farbige im Schnitt so schlecht weg kommen, wie in „Schamanenfeuer“ die mitspielenden ethnischen Russen, wäre der Erfolgs-zerschmetternde Vorwurf des Rassismus schnell erhoben gewesen. Bei bösen Russen ist da aber auch der aufklärerische Teil des Romanpublikums toleranter.

Im Bezug auf Russland ist es wohl die Frage, ob der zu erwartende und angelaufene Erfolg dieses ansonsten gut geschrieben Romans wirklich zu begrüßen ist. Vielleicht sollte man zumindest hoffen, dass nationalpatriotische Kreise in den USA das Werk nicht als Vorlage für ein neues Hollywood-Epos entdecken. Wer sich leicht und gut unterhalten will und nicht so empfindlich bei Klischees ist, soll sich jedoch vom Kauf nicht abschrecken lassen. Fesselnde Stunden beschert Frau André wohl jedem Mystery-Freund. Am meisten denen, die Russland hauptsächlich aus Hollywood kennen.

Daten zum Buch: Martina André, Schamenfeuer, Aufbau-Verlag 2008, ISBN 978-3352007613 Roland Bathon / russland.TV – Russland hören und sehen

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