Kultur Nachrichten  |  Buchbesprechungen [buecher.RU]  |  Russischsprachige Autoren  |  По-русски 
 Deutsche Kultur in Russland  |  Russische Kultur in Deutschland  |  Nichtrussischsprachige Autoren  |  Bolschoi Theater 
 Literaturessays  |   |   | 

Werbung

Flattr this 05-09-2009 Bücher
Russland ohne Seelensuche
Einen hohen Anspruch hat die österreichische Journalistin Susanne Scholl laut Klappentext an ihr neues Buch „Russland mit und ohne Seele“, das soeben im Ecowin-Verlag erscheint. Ein „realeres Russlandbild“ will sie dem Leser ohne große politische Analyse verschaffen.

Die Ausgangslage erscheint gut. Frau Scholl arbeitet – mit Unterbrechung – seit 20 Jahren in Moskau. Sie ist eine versierte Schriftstellerin, die packend und doch informativ erzählen kann, so dass es durchaus im Rahmen ihrer Fähigkeiten liegt, Russlands Wesen ohne trockene Theorie zu umreißen.


Ihr Buch liest sich unterhaltsam und flüssig und so wundern einen vorangegangene Erfolge nicht. Auch ihre Methode – ausgehend von der heutigen Situation erzählt sie die Biographien einer Reihe von Interviewpartnern und erläutert so die Hintergründe des Alltagslebens in Russland – ist durchaus geeignet für einen „anderen“ Russlandblick.

Dennoch muss das Buchprojekt des ORF-Stars – die Autorin arbeitet für den größten österreichischen Sender - als gescheitert angesehen werden. Denn bei der Wahl ihrer Interviewpartner hat sie zwei eklatante Fehler gemacht, die von vorne herein verhindern, dass Frau Scholl das Ziel ihres Buches nur annähernd erreicht. Ein wahres Zerrbild von Russland ist so entstanden, das vom entstehenden Gesamteindruck nicht viel mit dem realen Riesenreich zu tun hat.

Der erste und größte Fehler: All ihre Interviewpartner stammen aus Moskau. Nun ist Moskau nicht Russland, ganz im Gegenteil. Moskau ist wohl der untypischste Teil der Föderation, was den Einheimischen durchaus bekannt ist. Da die Autorin gerne mit Zitaten arbeitet, darf hier auch der Rezensent zu einer russischen Redensart greifen: „Das beste an Moskau ist, dass man in jeder Richtung so schnell nach Russland kommt“. Moskau ist eine internationale, polyglotte Metropole und der wohl ungeeignetste Ort für einen ausschließlichen Bezug von Interviewpartnern, wenn man das Wesen Russlands untersuchen will.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Autorin zu zahlreichen Trugschlüssen gelangt. So schreibt sie auf Seite 59 „die heutigen Küchen sind um vieles moderner (…) die Möbel sind nicht mehr alt und schäbig, die Kühlschränke stets wohlgefüllt und nicht mehr alte, runde sowjetische Modelle und Geschirrspüler hat man jetzt auch“. Das ist durchaus Realität in Moskau, wo Ikea und viel alle andere Ketten im Einrichtungsbereich ihre Filialen haben und wegen der Konkurrenz die Preise für Haushaltselektronik erschwinglich sind. Frau Scholl scheint jedoch keine Ahnung zu haben (und ihr Leser nach der Lektüre ebenfalls nicht), wie viele Hunderttausende von alten sowjetischen Kühlschränken und uralten Küchen es in der „Provinz“ noch gibt – in der großen Mehrheit der Wohnungen. Und wie selten eine Geschirrspülmaschine dort zur Ausstattung gehört.

Apropos Provinz – das Bild vom restlichen Russland fällt der rein Hauptstadt-zentristischen Betrachtungsweise des Buchs völlig zum Opfer. Die Autorin übernimmt von ihren Protagonisten die typische Moskauer Sicht ihres Landes. Hier gibt es Moskau – dort draußen ist „das“ Dorf. Für viele Hauptstädter ist alles „Dorf“, was sich außerhalb der Stadtgrenzen befindet. 12 weitere Millionenstädte des Landes werden dabei ebenso ignoriert, wie die Tatsache, dass über 70 % der Russen eigentlich in Städten leben – und zwar außerhalb Moskaus. Doch nicht nur die Moskauer übersehen diese Realität, auch dieses Buch, das sich ein realistischen Bild des Landes zum Ziel gemacht hat, übernimmt das hauptstädtische Klischee. Der Großteil russischer Realität wird so ausgeblendet.

Es handelt sich hier nicht um die einzige fatale Folge des blinden Zentrismus von Susanne Scholl. Auch gesellschaftliche Entwicklungen – wie das Aufwachsen in praktische rein vaterlosen Familien – die sie automatisch auf ganz Russland bezieht, sind mehr ein Phänomen der häufig entwurzelten Biographien an der Moskwa oder Newa und in anderen Regionen um einiges schwächer ausgeprägt.

Die örtliche Auswahl der Interviewpartner ist leider nicht der einzige Fehler der Autorin, der zu einem Zerrbild des heutigen Russlands führt. Auch stammen diese in ihrer überwältigenden Mehrheit aus dem kremlkritischen liberalen Bürgertum, mit dem sich die Autorin offenbar privat gerne umgibt. Menschenrechtsaktivisten, Intellektuelle, ehemalige Dissidenten, linke Künstler – bis auf wenige Ausnahmen (bezeichnenderweise sind diese dann Angestellte des ORF) sind das die einzigen Gesprächspartner von Susanne Scholl. „Proletarisches“ Volk ist selten, Befürworter der aktuellen Kreml-Politik oder politisch Desinteressierte fehlen völlig. Es ist, als hätte man ein realistisches Bild von Deutschland malen wollen und hätte als einzige Grundlage seiner Betrachtung die Biographien von Aktivisten einer Berliner Greenpeace-Gruppe genommen und das Buch dann von einer ausländischen Umweltaktivistin schreiben lassen.

So entstehen für den Russland-unbedarften Leser Meinungen, die mit der russischen Mehrheitsrealität nichts zu tun haben. So wird etwa der Eindruck erweckt, als ob die Ära Gorbatschow den Russen positiv in Erinnerung geblieben wäre. Das ist aber selbst unter den unpolitischsten Landsleuten nicht der Fall, was man ihnen auch nicht verdenken kann. Ein westlicher Politiker, unter dessen Herrschaft eine Hyperinflation statt gefunden hätte, die alle Kleinanleger um ihre Ersparnisse brachte (so geschehen im Russland der späten 80er), wäre auch in einem anderen Heimatland nicht besonders beliebt. Alle Versuche Gorbatschows, nach 1991 wieder politisch im neuen Russland Fuß zu fassen, sind nicht zufällig gescheitert. Ebenso verhält es sich mit der vor allem gegen Ende chaotischen Ära Jelzin, die das von Frau Scholl untersuchte Millieu völlig anders sieht, als der mehrheitliche Rest der Gesellschaft – was der unkundige Leser des Buchs aber weder weiß noch erzählt bekommt.

Der Fehler sind hier nicht die Leute die zu Wort kommen, sondern die vielen anderen, die fehlen. Wie viel interessanter wäre es gewesen, die gesammelten Eindrücke der Autorin zu ergänzen durch ganz widersprüchliche Auffassungen und Lebensläufe aus anderen Bereichen, durch Menschen aus anderen Metropolen, Befürwortern der Kreml-Administration, unpolitischen Leuten, Menschen aus ländlichen Gegenden oder anderem. Damit hätte man ein Russlandbild schaffen können, dass so viel widersprüchlicher aber auch so viel interessanter gewesen wäre. Und damit auch die Entstehung des Mythos von der „Russischen Seele“ nachvollziehbarer gemacht hätte. Da das aktuelle Werk nur 185 Seiten hat, wäre durchaus noch Platz gewesen.

Betrachtet man Susanne Scholls Buch, ist alles zwar nett zu lesen, aber doch sehr unspektakulär. Alle in Russland sind sich scheinbar einig. Die Sowjetunion war Mist, Gorbatschow und Jelzin waren super, Putin ist wieder Müll. Heute geht es allen schlecht, Russland ist kein Platz zum Leben. Schlimm ist, dass die Gruppe, deren Meinung hier fast ausschließlich dargestellt wird, nur einen winzigen Bruchteil des Meinungs- und Erfahrungsspektrums der russischen Gesellschaft aus macht – und so schafft man kein reales Russlandbild. Aber interessanterweise wird genau das ausgesagt, was uns die vereinfachende Berichterstattung der Massenmedien, für die auch Frau Scholl arbeitet, gerne zwischen den Zeilen jedes Beitrags erzählt. Ein Zufall?

Man ist fast versucht zu denken, Frau Scholl wollte es sich mit ihrem Buch recht einfach machen. Einfach nur aufschreiben, was die eigenen Freunde denken und ab zum Verlag. Die Suche nach Interviewpartnern außerhalb des eigenen Dunstkreises, Meinungsspektrums oder gar außerhalb Moskaus – viel zu aufwändig. Ein gutes Russlandbuch entsteht so nicht, egal wie groß die unbezweifelten schriftstellerischen Qualitäten der Autorin sind. Wenn Fernsehreportagen ebenfalls so entstehen, wundert einen die durchschnittliche Qualität derselben nicht – sei es im ORF, im ZDF oder bei der ARD. Man muss vom Lesen dieses Werks nicht unbedingt abraten, denn ganz interessant sind die geschilderten Lebensläufe schon. Wer aber die russische Gesellschaft besser verstehen will, ist aber mit anderen Werken besser bedient.

Daten zum Buch: Susanne Scholl: Russland mit und ohne Seele, ISBN 978-3-902404749, Ecowin-Verlag Salzburg 2009

Roland Bathon – russland.TV;Roland Bathon ist Autor des Buchs „Russland auf eigene Faust“, Infos: www.buecher.nachrussland.de

Google
Web russland.RU russland.TV













Werbung


[ Impressum ] [ Mediadaten ] [ Statistik ] [ Internes ]







- © russland.RU -
Weitere Nutzung im Internet oder Veröffentlichung auch auszugsweise nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion und mit Quellenangabe www.RUSSLAND.ru
Nachrichtenlieferanten - RIA-Novosti - AFP - georgien-nachrichten.de
E-mail genügt: redaktion@russland.ru
powered by okasoft
russland.RU ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.
russland.RU ist registriert beim Ministerium für Presse-, Fernseh- und Radioangelegenheiten in Russland unter - эл Nr.77-8682 -
Raduga Tarusskaja - Stiftung für Selbsthilfeprojekte in Russland - visum.RU - Visa für Russland - russlandreisen.RU - reisen nach Russland

Wörterbuch powered by Quickdict

Das Portal für die russisch-deutsche Community [  www.russen-chat.de ]






































































 Kultur Nachrichten  |  Buchbesprechungen [buecher.RU]  |  Russischsprachige Autoren  |  По-русски 
 Deutsche Kultur in Russland  |  Russische Kultur in Deutschland  |  Nichtrussischsprachige Autoren  |  Bolschoi Theater 
 Literaturessays  |   |   |