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17-03-2009 Bücher
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Russland: Wieder auf dem Weg zur Weltmacht? |
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Von Kai Ehlers gibt es zahlreiche Veröffentlichungen zur nachsowjetischen Transformation in Russland. Seine eigenen Prinzipien beschreibt er im Vorwort seines neuen Buches wie folgt: „Bestandsaufnahmen vor Ort, Reisen durchs private Netz verbunden mit intensiven Gesprächen wurde meine Forschungsmethode. Auf diese Weise lernte ich Innenansichten Russlands kennen, die sonst eher verborgen bleiben“. Sein soeben erschienenes neues Buch konzentriert sich auf die Wiedergabe zahlreicher und langer Gespräche mit seinem Freund Jefim Berschin.
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Dieser ist Poet, Schriftsteller und Journalist. Er war 10 Jahre lang Redakteur der bekannten Moskauer Zeitschrift Literaturnaja Gasjeta, bis sie 1998 von Oligarchen übernommen wurde. Eines seiner wichtigsten Themen ist der Versuch, neue ethische Prinzipien zu formulieren, die die heutigen Veränderungen in der Welt erklären sollen. Kai Ehlers lernte ihn in den 80er Jahren kennen als „Zeitzeuge der labyrinthischen Wandlungen in der Sowjetunion“. „Später erlebte er „mit ihm und an ihm die schrittweise Verwandlung von Perestroika in Chaos, von Hoffnung in Ernüchterung, von Aufbruch in Enttäuschung.“ Das Buch ist ein Ost-West-Gespräch zwischen Jefim Berschin und Kai Ehlers, einem russischen Poeten und einem deutschen Russlandforscher. „Im Gespräch miteinander tasten wir den russischen Wandlungsprozess mit der Frage ab, welche sozialen, kulturellen und ethischen Impulse er freisetzt.“
In den thematisch strukturierten Kapiteln des Buches findet sich jeweils eine Dreiteilung: Zunächst werden Reflexionen von Kai Ehlers zum spezifischen Thema vorgestellt, des weiteren Auszüge aus Briefwechseln zwischen ihm und Jefim Berschin, dann – als Hauptteil – Auszüge aus Diskussionen.
Zum Verständnis der Entwicklungen in Russland sind tiefgehende Rückblicke in die Geschichte angebracht, die im kollektiven Gedächtnis der russischen Bevölkerung offenbar fest eingebrannt sind. So wird die Situation Russlands unter Jelzin verglichen mit der „Smuta“, der verwirrten Zeit nach dem Tod Iwans IV, des Schrecklichen, von 1584 bis zur Krönung Romanows 1613. Diese Jahre gelten als Zeit der schlimmsten, dunkelsten Zustände, in denen Chaos und Irrationalität die Oberhand gewannen. Mit der derart historisch verglichenen Entwicklung im Inneren ab 1990 betrieb die NATO parallel zur Ost-Erweiterung der EU eine Einschnürung Russlands. Dazu gehörte auch eine systematische Destabilisierung durch inszenierte Propaganda über nationale Konflikte in der früheren Sowjetunion. So sind im wesentlichen die Sichtweisen von Jefim Berschin.
An den meisten Stellen ergibt sich dabei ein Spannungsbogen im Diskurs, der das Buch leicht lesbar macht. Beispielweise bei der Sichtweise auf das militärische Engagement der Sowjetunion in Afghanistan: War dieses ein „halbhumanitärer Krieg“? Auch das westliche und östliche Verständnis von Demokratie und Freiheit geben einige Reibungsflächen. Ebenso lässt sich über das Thema Menschlichkeit und Menschenrechte vortrefflich streiten. Ein Zitat aus der Diskussion über den Tschetschenien-Krieg: „Aber über Menschenrechte im Krieg zu sprechen ist sinnlos… Wenn geschossen wird, ist es bereits zu spät, über Menschenrechte zu sprechen.“
Ein zentrales Thema ist die Frage: Ist Russland auf dem Weg zu einem Imperium neuen Typs, oder in die Restauration alter Strukturen? Oder handelt es sich bei Russland um ein „Entwicklungsland neuen Typs“? Zur wirtschaftlichen Entwicklung wird vor allem folgende Frage diskutiert: Kann Russland die geplante Überführung der Selbstversorgung in eine vom globalen „Markt“ diktierte Fremdversorgung überstehen, wie die WTO sie fordert?
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Buch ist erfrischend anders als methodisch angelegte wissenschaftliche Untersuchungen. Erinnert werden sollte auch daran, dass früher der veröffentlichte wissenschaftliche Diskurs stark von Briefwechseln getragen wurde. Zusammen mit den wiedergegebenen Streitgesprächen und dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Sichtweisen bzw. Ausgangspositionen ergibt dieses ein lebendiges und sehr anschauliches Bild der russischen Situation, wie es für die eigene Meinungsbildung kaum besser machbar wäre.
[ von Karl-Heinz Peil ]
Kai Ehlers: Russland – Herzschlag einer Weltmacht
Pforte Verlag, ISBN 978-3-85-636-213-3, EUR 24,80
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