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Flattr this 16-03-2009 Bücher
Gefangen zur Zeitenwende
Die weitgehend vergessenen Erlebnisse österreichischer Kriegsgefangener im und nach dem Ersten Weltkrieg in Russland sind das Thema des Buchs „Gefangen in Russland“, das im Wiener Böhlau-Verlag erschienen ist. Betont wird hierbei die Autenzität des Erlebten, denn es handelt sich um eine Sammlung von selbst verfassten Augenzeugenberichten mit nur kurzer Einführung und Hintergrunderläuterung.



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Das Werk genügt hierbei wissenschaftlichen Ansprüchen. Es ist aber dennoch unterhaltsam zu lesen, wenn man sich für die turbulente Geschichte Russlands im frühen 20 Jahrhundert – Erster Weltkrieg, Februar- und Oktoberrevolution und Russischer Bürgerkrieg – interessiert. Von all dem berichten aus erster Hand die damaligen KuK-Kriegsgefangenen, die unfreiwillig mitten im Geschehen stehen.

Zu loben ist hierbei die ausgewogene Auswahl der Zeitzeugen. Während kurz nach dem damaligen Krieg in Österreich vor allem nationalistisch gesinnte Offiziere mit ihren Kriegserlebnissen öffentlich Gehör fanden (was im Buch nicht verschwiegen wird), sind die Autoren der Buchkapitel mehrheitlich einfache Soldaten. Ihre Einstellungen könnten nicht unterschiedlicher sein: Vom überzeugten Sozialdemokraten bis zum konservativen Landmenschen und völlig unpolitischen Gefangenen reicht die Bandbreite. Ebenso vielfältig ist die Stilistik. Teils wird aus notizartigen Tagebüchern, teils aus später verfassten Memoiren zitiert - von nüchternen Sachberichten bis zu blumigen Schriftstellerwerken. Durch kurze Erläuterungen der Herkunft und des weiteren Lebenswegs der Autoren lassen sich Einstellungen und Gedanken gut nachvollziehen.

Während am Anfang der meisten Erlebnisberichte die Gefangennahme und das Lagerleben irgendwo zwischen Westrussland und Wladiwostok stehen, verschlägt es die Österreicher später in die verschiedensten Schicksale. Was heute kaum bekannt ist: Kaum jemand blieb länger Lagerinsasse, auch nicht die gefangenen Reichsdeutschen oder Türken als Schicksalsgenossen der Österreicher. Einige werden in Russland zu Berg-, Industrie- oder Landarbeitern, leben auf Bauernhöfen oder in Städten, andere schließen sich der Roten Armee an oder geraten unbeteiligt zwischen die Fronten zwischen dieser und den Weißgardisten. So ist das Schicksal völlig anders als nach dem weitaus Hass-geladeneren Zweiten Weltkrieg. Während die einen die Gefangenschaft dennoch als wahre Hölle empfinden, arrangieren sich andere mit Russland, fassen beruflich Fuß und stehen kurz davor, für immer im Osten zu leben. Manch einer wird noch vor Kriegsende im Jahr 1918 nach Österreich entlassen, andere bleiben bis Anfang der 20er Jahre.

Auch innerhalb der Gruppe der Gefangenen aus der KuK-Monarchie spiegeln sich die Entwicklungen der damaligen Zeit - wie der Zusammenbruch des Österreich-Ungarischen Kaiserreichs. Slawischstämmige Gefangene wie Tschechen schließen sich häufig noch während des Krieges den Russen und im Bürgerkrieg den zarentreuen „Weißen“ an, während Österreicher und Deutsche stets in Opposition zum Zarenstaat verbleiben und danach im Bürgerkrieg mehrheitlich neutral sind oder mit den kommunistischen „Roten“ sympathisieren.

Alles in allem ist „In russischer Gefangenschaft“ ein Blick zurück ohne Einseitigkeit oder Nationalismus. Die Herausgeber haben die zeitliche Distanz zu einer ausgewogenen Aufarbeitung der historischen Erlebnisse genutzt. Die geschilderten Schicksale sind vielfältig und während des Lesens unvorhersehbarer, als ein Romanautor sie sich hätte ausdenken können. Nicht nur für Österreicher ist dieses Buch ein Lesetipp.

Roland Bathon / russland.TV, Russland hören und sehen; Daten zum Buch: Hannes Leidinger/Verena Moritz (Hrsg.): Gefangen in Russland: Erlebnisse österreichischer Soldaten im Ersten Weltkrieg; Böhlau-Verlag 2009, ISBN 978-3-205772835; weitere Russlandbücher unter www.nachrussland.de/nrr

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