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Flattr this 17-12-2007 Bücher
„Entlarvende Gedankenlosigkeit“ oder: Wir sind mit Russen oftmals strenger als mit uns selbst
[Von Michail Logvinov] Als extrem einseitig und ungerecht beurteilt Frau Dr. Krone-Schmalz, die einstige wichtigste Russland-Korrespondentin und Autorin des Buches „Was passiert in Russland?“ (Herbig-Verlag, 2007) die Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit in Bezug auf Geschehnisse in Russland: „Einer hustet und alle plappern nach. Mittlerweile scheint es schick geworden zu sein, auf Russland und vor allem Putin einzuhauen.“

Das müsse man machen, wenn man dazugehören will. „‘Wir’ stehen schließlich auf der ‚richtigen’ Seite. Der in letzter Zeit häufig gebrauchte Begriff ‚Russlandversteher’ reicht aus, um diejenigen zu diskreditieren, die versuchen, Vorgänge in Russland möglichst neutral zu schildern“, sagte die Journalistin im Interview für die deutsche Agentur „n-tv“ (20.11.2007). Tatsächlich sind in manchen Massenmedien sowohl eingefahrene Automatismen als auch Reflexe, die sich den Klischees aus der Ära des Kalten Krieges bedingen, festzustellen. Schlimmer noch: Die Schwarz-Weiß-Malerei und die sich in die Köpfe festgesetzten Stereotype verleihen manchem „Russlandversteher“ eine derartige Artikulationsmacht und Glaubwürdigkeit, die in einem argumentativen Diskurs schwer zu falsifizieren sind. Und Keiner hat dies in etlichen Fernsehdiskussionen stärker am eigenen Leibe spüren können als Gabriele Krone-Schmalz. Ich kann mich sehr gut an das selbstzufriedene Lächeln ihrer Opponenten erinnern, die in quasi kommentierenden Statements die herkömmlichen Ressentiments und Vorurteile schürten, um sich dadurch die Argumentationshoheit zu verschaffen. In ihrem neuen Buch „Was passiert in Russland?“ beschreibt die Journalistin, wie die westliche Berichterstattung über Russland gehandhabt und auf welche Art und Weise das Stimmungsmanagement insbesondere in Deutschland vollzogen wird. Von zweierlei Maß ist im Buch die Rede: „Mit Blick auf Russland zeigt sich […] eine gewaltige Diskrepanz zwischen der Realität im Land und den Stereotypen, die sich nach wie vor in westlichen Köpfen halten. Es fällt zudem auf, dass pauschale Verurteilung und moralische Entrüstung zum Standardrepertoire kommentierender Berichterstattung gehören […] Die ausgeprägte Neigung, mit zweierlei Maß zu messen, sobald die eigenen Interessen berührt sind, kommt erschwerend hinzu“ (S. 31).

„Es ist alles viel facettenreicher, als es hier bei uns ankommt“, behauptet die Autorin und zeigt plausibel an, welche Faktoren für die unverantwortungsbewusste Reduktion der Komplexität in den deutschen Medien ausschlaggebend sind. Als drei größte Feinde der „aufrichtigen Berichterstattung“ bezeichnet Gabriele Krone-Schmalz gezielte Manipulation („[…] 95 Prozent aller Informationen [werden] gezielt entwickelt, um damit Einfluss auszuüben“), den vorauseilenden Gehorsam bzw. Mangel an Zivilcourage und schlampige Sprache aus Gedankenlosigkeit und/oder Dummheit (S. 229).

Interessen bestimmen nach wie vor Berichterstattung, so die Journalistin. „In der Auslandsberichterstattung […] wirkt sich das ganz verheerend aus. [Der Medienkonsument ist] viel mehr auf die Seriosität von Informationen angewiesen, weil er normalerweise so ohne Weiteres nichts selbst überprüfen kann. Und da entstehen ganz schiefe Bilder, auf deren Grundlage ebenso schiefe Schlussfolgerungen gezogen und Entscheidungen getroffen werden“ (S. 230). Und oftmals seien Journalisten „die nützlichen Idioten in diesem Spiel“, das die Pressefreiheit zur indirekten Einflussnahme oder bezahlten Meinungsmache mutieren lässt (ebd.).

Die Autorin liefert mehrere Beispiele, die „entlarvende Gedankenlosigkeit“ und „Dummheit“ der Journalisten geißeln. Ob es sich um Wandel in Richtung Stabilität und Ordnung unter Putin oder um Russland als Experementier- und Plünderungsfeld zu Jelzins Zeiten handelt, ob von Tschetschenien, Sicherheitspolitik in Europa, der so genannten europäischen „Wirtschaftshilfe“ oder Demokratie, Opposition und NGOs die Rede ist, deckt Frau Dr. Krone-Schmalz den ins Auge springenden Mangel an differenzierteren Blicken und Unparteilichkeit in der westlichen Berichterstattung auf.

Monokausale Erklärungen für solche Entwicklungen greifen zu kurz. Eher spielen hier mehrere Gründe eine Rolle – persönliche/personelle wie strukturelle/konjunkturelle. „Was ist von einem Auslandskorrespondenten zu erwarten, der sich nach einem Heimaturlaub mit den Worten verabschiedet, jetzt habe er noch soundsoviele Monate ‚abzusitzen’? Vielleicht sollten ihn die Verantwortlichen mit Blick auf einen bestimmten Qualitätsstandard der Berichterstattung besser da ‚sitzen’ lassen, wo er lieber sitzt…“, schildert die Autorin des zu besprechenden Buches die personelle Dimension der Problematik.

Medienprodukte solcher „Russlandversteher und -kenner“ hat Ralf Brings in der Satire „Vom Elend der Russlandreportagen“ aufs Korn genommen:

„Moskau. Montagmorgen. In der Redaktionsstube vom Zweiten sitzen die Russland-Reporter, knabbern Prjaniki und Bubliki und überlegen, was sie dem Zuschauer in der Heimat noch Schönes über Russland zu erzählen haben. Schweigen. ‚Alles schon da gewesen!’ murrt da einer. Will denn keinem mehr was einfallen? Konfetki. Baranki. Petschenki. Suchariki. Vollmundiges Geknabber. Ratlose Gesichter. Leere Köpfe. Und dann doch eine Idee: ‚Mal sehen, was die vom Ersten machen?!’ Das deutsche Erste sendet auch 2006 seine Standart-Reise-Leier: Wieder-durchkämmen-deutsche-Entdecker-Russland-von-West-nach-Ost-und-erzählen-süßsauere-Geschichten, so als hätten Ruge, Bednarz und Sager nie russischen Boden betreten. ‚Kaltes Sibirien!’ ... ‚Schönes Sibirien!’ ... ‚Unendliches Sibirien!’ Katastrophen und ‚Impressionen zwischen Wodka, Balalaika und Kalaschnikow’. Russland wie aus dem ‚Lehrbuch der Stereotypen’. Eigleiche Berichte, geklont, geklaut, abgeschrieben, abgeschaut. Und Phrasen, Phrasen, Phrasen“ (www.russland.ru).

Die russland.TV - Satire
Phrasen. Phrasen. Phrasen
Moskau. Montagmorgen. In der Redaktionsstube vom Zweiten sitzen die Russland-Reporter, knabbern Prjaniki und Bubliki und überlegen, was sie dem Zuschauer in der Heimat noch Schönes über Russland zu erzählen haben. Schweigen. "Alles schon da gewesen!" murrt da einer. Will denn keinem mehr was einfallen? mehr...


Strukturelle Ursachen der mangelhaften Auslandsberichterstattung liegen in der Angewiesenheit der hiesigen Medien auf die Meldungen der so genannten „gatekeeper“ – internationalen Presse- und Nachrichtenagenturen – begründet, denen intransparente Selektionsvorgänge eigen sind. Und im Desinteresse von Chefredakteuren, ein wahrheitsgetreues Bild zu vermitteln. Auf „Agenda Setting“ sei hier ebenso ausdrücklich hingewiesen. Am besten lässt sich dieser Problemkomplex mit Hilfe der Ausführungen von Gabriele Krone Schmalz über die von Kasparow „organisierte“ Opposition in Russland darstellen:

„Der Eindruck, dass sich alle Themen in pro und kontra Putin aufteilen ließen, täuscht. Aber genau nach diesem Schema wird im Weste verfahren und viel zu viele ihm auf den Leim. Demonstrationen, an denen Garri Kasparow teilnimmt, der ehemalige sowjetische Schachweltmeister mit politischen Ambitionen, finden Eingang in unsere Berichterstattung. Für welche politischen Ideen steht er? Was ist sein Programm, außer seiner Gegnerschaft zu Putin, womit er im Westen gut ankommt? Was sagt er zu den vielen Mitdemonstranten mit Hammer- und Sichel-Symbolen, die – Zufall? – so gar nicht richtig ins Bild kommen, aber einen bemerkenswert großen Teil der Demonstration ausmachen?“ (S. 68).

Dies sind nur wenige Fragen, auf die man sich vergebens Antworten von Kasparow selbst und seinen Unterstützern in den westlichen Medien erhofft. Die Behauptung – „Es geht [im postsowjetischen Raum – M.L.] nicht so sehr um politische Ausrichtung, es geht um unendlich viel Geld“ (S. 90) – würde wohl das Koordinatensystem des (imaginären?) Freund-Feind-Kontinuums ins Wackeln bringen. Eine Entwicklung, die zu gravierenden Identitätsproblemen per definitionem führen und angesichts der vorherrschenden Gedankenlosigkeit leider keine intellektuellen Neuanfänge versprechen würde. Tatsächlich ist es viel bequemer nach dem Prinzip „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ zu handeln und im herkömmlichen Freund-Feind-Koordinatensystem reicht offenbar „die Gegnerschaft zu Moskau aus, um in der westlichen Gemeinschaft besser dazustehen“ (S. 39).

Doch hier haben sich die russischen Eliten selbst verkalkuliert: „Putins Fehler war, die Haltung des Westens gegenüber Russland falsch eingeschätzt und zu sehr auf den Westen, besonders auch auf Deutschland, vertraut zu haben“, so Gabriele Krone-Schmalz (S. 165). Allerdings scheint nicht nur Putin diesen Fehler begangen zu haben. Gorbatschow’s Vertrauen bezüglich der sicherheitspolitischen Architektur nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde ebenso missbraucht (vgl. Kapitel „Zwei plus vier“ und „NATO-Osterweiterung“). „Was mich damals entsetzt hat“, schreibt die Autorin, „war die Tatsache, dass deutsche Politiker der ersten Reihe im persönlichen Gespräch die geplante NATO-Osterweiterung einen der größten außenpolitischen Fehler der Nachkriegsgeschichte nannten und in offiziellen Äußerungen das Gegenteil behaupteten“ (S. 182).

Inzwischen üben sich die NATO-Juniorpartner in Sachen „Unruhestiftung“: Litauen versuchte, Gaslieferungen nach Kaliningrad zu behindern; Estland bemühte sich, die geplante Ostseepipeline durch Ausdehnung seines Hoheitsgewässers zu sabotieren; Polen blockiert die Verhandlungen zwischen der EU und Russland über ein neues Partnerschaftsabkommen und erklärt sich für bereit, Teile des Raketenabwehrsystems auf seinem Territorium zu stationieren (vgl. S. 187). „Irgendwas läuft schon lange schief im Verhältnis zu Russland. Und das Dümmste, was die NATO und die Europäische Union tun könnten, wäre es, dem Halbdemokraten in Moskau die alleinige Schuld daran zuzuschieben“, stimmt die Verfasserin des zu besprechenden Buches einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung zu.

„Die Russen sind immer das Problem“… Die sicheren staatlichen Strukturen (als Re-Zentralisierung bezeichnet) mit einem selbstbewussten Putin an der Spitze sind ein Risiko für die Nachbarn und westlichen Demokratien. Die Eingriffe Kremls in den sensiblen Energiesektor stellen eine Gefahr dar. Warum denn? „Wie wär’s damit? Es geht um so unendlich viel Geld, es ist so viel zu holen in Russland, dass – außer den Russen selbst – niemand ein Interesse daran hat, im Kreml einen selbstbewussten starken Mann sitzen zu haben“ (S. 158). Ist es wirklich die Motivation der externen Demokratisierung durch Europa, einen unbeschränkten Zugriff auf die russischen Energieressourcen und seinen riesengroßen Markt zu erlangen? Haben die transatlantischen Partner vor, eine Sicherheitsarchitektur in Europa ohne Russland (lies unter Ausschluss Russlands) oder gar gegen Russland zu schaffen?

Das Buch von Gabriele Krone-Schmalz „Was passiert in Russland?“ liefert Antworten auf diese und weitere Fragen zu den unter den Nägeln brennenden Problemen des Verhältnisses zwischen Russland und den westlichen Partnern. Doch noch wichtiger ist für meinen Geschmack, dass die Autorin die Rolle des Langzeitgedächtnisses in den Hintergrund rückt. Sie macht plausibel, die Autoren mit Gedächtnisstörungen oder gar mit Gedächtnisverlust haben in der Auslandsberichterstattung genauso wenig zu suchen wie die mit Wahrnehmungsstörungen. Ernsthaft ausgedrückt: Das ist eines der wenigen Bücher, das einen beinahe authentischen Einblick in den durch die Perestrojka-Jahre und das staatliche versagen zu Jelzins Zeiten bedingten sozialen Habitus im modernen Russland ermöglicht. Die für den Westen schwer nachvollziehbaren (oder verdrängten) Zusammenhänge und Hintergründe, die für die Fragestellung des Buches „Was passiert in Russland?“ von Bedeutung sind, werden an mehreren Beispielen überzeugend verdeutlicht. Die Autorin fürchtet nicht, Dinge beim Namen zu nennen, und verfällt nicht in das andere Extrem der Parteilichkeit. Man merkt, dass Frau Dr. Krone-Schmalz sich diesem Unterfangen verantwortungsbewusst und mit gehöriger Portion Wissen angenommen hat. Dies könnte ihrem Buch zum wahren Erfolg verhelfen. Dieses Buch könnte einen Diskurs ankurbeln. Wie gesagt könnte… Zu gut kann ich mich an das selbstzufriedene Lächeln ihrer Opponenten erinnern, denen ihr Werk sicherlich zu „putinfreundlich“ schmecken wird. [  Michail Logvinov / russland.RU – die Internet - Zeitung ]

Der Autor:
Dr. phil. Michail Logvinov promoviert derzeit im Promotionskolleg der Hans-Seidel-Stiftung „Politik- und Parteienentwicklung in Europa“

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